Sonntag, 1. August 2010
 
   
 

 

Das Büro Hansen & Petersen hat im Dortmunder Süden ein Büro- und Wohnhaus errichtet.

 

Special Gag: ein quer zum Hauptgebäude stehendes Penthouse.



 

Fotos: Ludger Paffrath

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Glas: Der freie Blick ist das Marken-
zeichen der Maisonette Wohnung. Als durchsichtiger Kasten ruht sie quer auf einem Bürogebäude




Beim Inventar beschränkt sich das Paar auf das Wesentliche, etwa schwarze Eames-Stühle am Esstisch




Architektenfamilie Petersen




Penthouse



Nichts für Geheimniskrämer: Die Maisonette im sechsten Stock des Wohn- und Geschäftshauses ist großflächig verglast. Von hier aus schweift der Blick über die Silhouette von Dortmund, das aus dieser Perspektive richtig charmant wirkt.

Dortmund wird wahrscheinlich nie ein Ausflugsziel für Architekturfans. Selbst wenn wichtige Gebäude neu gestaltet werden sollen, ist das Befremden der Architekten, die zu den Wettbewerben geladen sind, schon in ihren Entwürfen zu spüren. Dortmund, ein schwieriges Thema. Eine Herausforderung. Das Büro Hansen & Petersen hat sich ihr gestellt, frei nach dem Motto: Unsere Stadt soll schöner werden. Im für Dortmunder Verhältnisse ansehnlichen Süden hat das Team ein Büro- und Wohnhaus errichtet, das in jeder Metropole für Furore gesorgt hätte: sechs Stockwerke hoch, die äußerst großzügig verglast sind.

 

Special Gag: ein quer zum Haupt­gebäude stehendes Penthouse. In dieser Röhre, die auf dem Flachdach liegt, haben sich die Architekten selbst eingenistet. Aus der Penthouse-Etage und von der seitlichen Terrasse aus hat man den schönsten Blick über Dortmund. Von hier aus wirkt die Stadt wirklich schön.

 




Der Blick vom sechsten in den fünften Stock. Durch die Etagen zieht sich der Aufzugschacht, der im obersten Stock durch einen Kamin erweitert wurde.
Auch hier Stücke aus der Charles-&-Ray-Eames Sammlung: der Schaukelstuhl von 1950 und der „Lounge Chair“

Dass in diesem Umfeld nun ein fast schon symbolhafter Bau, der den Aufbruch in neue Zeiten markiert, entstanden ist, führte zu heftigen Reaktionen, berichtet Ralf Petersen, Architekt und Bewohner des Gebäudes: „Kalt gelassen hat es keinen, schlecht fand es aber auch niemand. In jedem Fall polarisiert das Gebäude.“

 

Die Dortmunder müssen sich in ihrer Beurteilung nicht mit einem Blick auf die Fassade begnügen. Im Erdgeschoss des Hauses ist ein stark frequentiertes Restaurant namens Lorenz untergebracht, dessen Interieur durchaus den Geschmack der Bewohner der oberen Etagen trifft.

 

Vor die Haustür der Wohnung im fünften Stock führt ein Lift. Privilegierte Gäste oder gute Freunde werden direkt in den Wohnbereich in die sechste Etage gefahren. Im Lift selber lässt nichts darauf schließen, wie hoch man wirklich hinauskann. Beim Stopp im fünften Stock erreicht man den Eingang zum Ess- und Kochbereich, die ineinander übergehen. Wie überhaupt die gesamte Wohnung mit ihren 250 Quadratmetern ineinander zu fließen scheint.

 

„Es gibt eigentlich keine Trennung von drinnen und draußen“, erläutert Anna Petersen, ebenfalls Architektin, das Konzept. „Im Sommer können die Türen zur Terrasse vollständig geöffnet werden, und wenn die Bäume grün sind, wandert der Blick ohne Barriere in die Wipfel.“

 



Inside out. Und der Nachbar badet mit (sofern er ein Voyeur ist). Im Sommer bieten die Bäume einen natürlichen Sichtschutz. Nur Dusche und Toilette verbergen sich hinter Milchglaswänden

 

Selbst die Privaträume kennen keine Grenzen. Das Schlafzimmer der Hausherren, ebenfalls im fünften Stock, geht in das Bad über, und nur Dusche und WC sind in einer Milchglasbox untergebracht. „Trotz der Flächigkeit der Wohnung ist es gemütlich“, betont Anna Petersen. Zuvor lebte und arbeitete das Paar gemeinsam in Altbauten. Wie wohnt es sich jetzt so grenzenlos? „Das Haus ist unser architektonisches Statement. Es entspricht genau unserem Lebensgefühl“, sagt Ralf Petersen.

 

Der Architekt aus dem Pott ist mit seinem Lebensgefühl durchaus erfolgreich. Er und sein Kollege haben gerade den Wettbewerb um das neue Stadion für Union Berlin gewonnen. Außerdem bauen sie zurzeit ein Einkaufszentrum in Petersens Heimatstadt Gelsenkirchen, und ein 300 Meter langer schwarzer Kubus entsteht für einen Möbelhersteller. Intelligente, zeitgemäße Lösungen sind die Freude des kreativen Baumeisters, der mittlerweile zehn Architekten beschäftigt. So ist auch das eigene Domizil eines, das mitdenkt:

 

„Wenn ich morgens im Büro die Heizung von 19 auf 21 Grad drehe, merkt sich das System, 19 Grad ist zu kalt, und heizt automatisch. Wenn die Fenster geöffnet werden, fährt die Heizung automatisch wieder runter“, erklärt der Bauherr. Die Fassade ist ebenfalls eine umweltfreundliche Sparmaßnahme aus durchscheinendem Glas. Trotz des großen Auftritts, den das Gebäude hat, zeigt sich die Perfektion mal wieder im Detail. Das ist neben der intelligenten Haussteuerung auch die Sichtfuge im Schlafbereich. Unter der abgehängten Decke verbergen sich Lüftung und Elektrik. Das Element dient gleichzeitig auch als Sichtschlitz zur Terrasse. Durch den Spalt fällt auch Licht in das Stockwerk darunter.  Ein Haus, das eben rundherum erhellt.

 

 

Fotos Ludger Paffrath  Text Sandra Henninger