Sonntag, 22. Oktober 2017
 
   
 



Das Sofa „Andy“ kommt von B & B, der Sofatisch ist ein abgeschnittenes Turnreck von Lichterloh. Die Lampen von Artemide im angrenzenden Kinderzimmer nennen sich „Nur“ (Design Ernesto Gismondi). Die große Stehlampe „Big Shadow“ neben dem Sofa wurde von Marcel Wanders für Cappellini designt und die Wandleuchten „Surf“ zwischen den Fenstern sind von Artemide



US Open. Kein Vorraum, kein Korridor - in amerikanischer Manier befindet man sich beim Eintritt ins Loft direkt im Wohnbereich. Die Roland-Rainer-Garderobe stammt aus dem Stadthallenbestand



Farbenspiel. Die LED-Beleuchtung im Sanitärbereich sorgt bei der richtigen Wahl des computergesteuerten Farbprogramms für ein ständig wechselndes Farbspektakel. Rechts im Hintergrund, allein auf weiter Flur: ein schwarzer „Panton“-Sessel von Vitra



Der stattliche Kristallleuchter über dem Esstisch ist ein altes Familienerbstück und „entschärft“ das allzu moderne Ambiente. Der Esstisch ist eine Auftragsarbeit, die Roland-Rainer-Stühle sind ebenfalls aus dem Stadthallenfundus



Das Herzstück des Loebell'schen Lofts ist die Mühlböck-Küche: Alexander Loebell versteht sich als guter Gastgeber und Koch. Be­son­ders aufwendig war der Transport der zwei Tonnen schweren schwarzen Steinplatte, die als Arbeitsfläche dient

 

 

 

Der Wiener Architekt Alexander Loebell hat das realisiert, was bisher als unmöglich galt: Ein kindgerechtes Loft für die ganze Familie

 

 

 

Vollständige Story: H.O.M.E.-Österreich 09/07

 

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Anfang 1997 - Alexander Loebell studierte damals an der Columbia University in New York, Partnerin Annabel ist hochschwanger - lebt das frischvermählte Ehepaar auf knappen 40 Garçonničre-Quadratmetern und träumt von einem riesigen Loft in Wien. Nun, je mehr man für einen Traum tut, desto weniger bleibt er einer, sagt man.

 

„Wir sind damals mit zwei Samsonite-Koffern nach New York geflogen, aber nach drei Jahren mit einem halben Container zurückgekommen“, erinnert sich Annabel Loebell, nun Mit-Inhaberin einer PR-Agentur in Wien. Einrichtungsmäßig mit etlichen Design-Klassikern eingedeckt, musste nur noch das passende Objekt gefunden werden. „Eine mühselige Sisyphusarbeit“, erinnert sich Alexander Loebell. „Es gibt wohl kein einziges loftartiges Objekt auf dem Wiener Immobilienmarkt, das wir nicht begutachtet haben.“

 

Wenn man mit dem gesamten Hausrat „bis zum Hals in den Startlöchern steckt“, lässt sich der Startschuss bekanntlich umso mehr Zeit. Ende 2005, also nach gut drei Jahren mühsamer Suche, entdeckte Alexander Loebell dann die unter Denkmalschutz stehende ehemalige Maschinenfabrik in der Leopoldstadt und schlug nach kurzer Besichtigung sofort zu.

 

„Es hat alles gepasst, außer dass die Hälfte der Fenster zugemauert war“, was sich jedoch als finanzieller Glücksfall herausstellen sollte. „Der damalige Eigentümer wusste nicht, dass die gesamte linke Front ursprünglich mit Fenstern bestückt war, die später zugemauert worden waren.“ Das hat sich selbstverständlich preislich zugunsten des Käufers ausgewirkt, der das Wiederherstellen der Fenster als Erstes in Angriff nahm, ohne die strengen Denkmalschutzbestimmungen zu verletzen.

 

Den gesamten Umbau schloss das Paar in einer rekordverdächtigen Zeit von nur neun Monaten ab. Das Resultat entsprach zur Gänze dem Vorhaben. „Mein Entwurf ist von einem funktionalen, klaren, minima­listisch einfachen räumlichen Konzept getragen, bei dem das gesamte Volumen des Raumes ­erhalten bleibt bzw. auch in seiner ganzen Größe und Originalität bestmöglich zur Geltung kommen soll“, so der Bauprofi.

 

Dabei muss gesagt werden, dass das Einraum-Konzept durch Verbundglasscheiben sowie einen theaterähnlichen Vorhang aus Blackout-Stoff, der sich über die gesamte Raumlänge von 14 Metern erstreckt, der Wahrung der Privatsphäre - sowohl der Kinder als auch der Eltern - zugutekommt. Die Gardine hält nicht nur Schall und Licht von den Kinderzimmern fern, sondern schafft auch besonders am Abend eine „angenehm geteilte“ Stimmung.

 

Überhaupt wurden alle Oberflächen danach ausgesucht, ob sie Licht reflektieren bzw. Schall schlucken. Beim ­Boden, der sich über die gesamte Wohnfläche von 280 Quadratmetern ersteckt, handelt es sich um einen spiegelglatten Industrie-Epoxidharzbelag, der laut Bauherrn sehr pflegeleicht, warm sowie haptisch angenehm ist - und der auch toll aussieht. „Beim Interieur muss das Ganze mehr sein als seine Teile“, so Alexander Loebell philosophisch.

 

Die einzelnen Einrichtungsstücke sind aus unterschiedlichen Epochen - ein riesiger Kristall-Salonluster aus dem 19. Jahrhundert und ein schlichter Biedermeierschrank neben skulpturartigen Kunststoffsitzmöbeln aus den Sechzigern und Siebzigern - und funktionieren als Stilmix nebeneinander nur dann, wenn jedes einzelne Teil authentisch und etwas „Besonderes“ ist. Durch diese Kontraste heben sich die Dinge noch stärker voneinander ab und kommen dadurch stärker zur Wirkung. Vieles wurde sehr preisgünstig auf New Yorker Flohmärkten, aber auch auf eBay, im Dorotheum oder in kleinen Designläden erworben.

 

Trotz ­intelligenter Soft-Raumaufteilung gibt es dennoch ­einen absoluten Hardware-Fluchtpunkt im Loebell'schen Domizil: Der junge Architekt hat in weiser Voraussicht einen knapp 30 Quadratmeter großen Wohntrakt angebaut, der zurzeit von einem Au-pair-Mädchen bewohnt wird - und später jedem Familienmitglied zur Verfügung stehen soll, das nach absoluter Ruhe lechzt. Oder das einfach nur einen kleinen Raum für neue große Träume braucht …

 

 

 

 

Text Mutlu Aslan   Fotos Nenad