Dienstag, 7. September 2010
 
   
 



 

Gut eingebürgert. Viele unserer Lieblingsmöbel und -accessoires sind eigentlich Ausländer der x-ten Generation. H.O.M.E. sagt Ihnen, woher sie kommen, was sie in unsere Wohnräume geführt hat – und was getan wurde, um sie perfekt zu integrieren.

 

Text Kitty Bolhöfer  Fotos beigestellt

 

 



Hollywoodschaukel „Swing“ aus Edelstahl und Kambala-Hartholz von Loom Living

 

Der Swinger aus London

 

Die Hollywoodschaukel

 

Was haben der Toast Hawaii und die Hollywoodschaukel gemeinsam? Sie sind beide in den USA – zumindest unter diesem Namen – gänzlich unbekannt. Beide Klassiker waren einmal Inbegriff des mondänen Lifestyles der Wirtschaftswunderjahre und drückten Sehnsucht nach Ferne, Exotik und Glamour aus.

 

Doch während der fruchtig-herzhafte Snack erst in den 50er-Jahren kreiert wurde, schwingt die Hollywoodschaukel, die eigentlich aus England kommt, mindestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts in europäischen Gärten. Nachdem die überdachte Schaukelbank in den letzten Dekaden eher als spießig galt, erlebt sie langsam eine Renaissance und kommt nun in formaler Schlichtheit und mit hochwertigen Materialien wieder in Schwung.

 

 

 

 




Hänge-Lounger „Hanging Sun“ aus Teak von Viteo

Die brasilianische Bettgenossin

 

Die Hängematte

 
Die Hängematte genießt in unseren Breitengraden leider oft einen eher zweifelhaften Ruf. Denn während ein Bett zum Schlafen da ist, man an einem Tisch arbeitet oder isst, lädt die Hängematte hierzulande wörtlich einfach nur zum Abhängen ein. Da schwingt ein Hauch von Studentenlebensentwurf inklusive dicker  Rauchschwaden und Reggae-Musik mit, verbunden mit einem Beigeschmack von Verantwortungslosigkeit, sprechen wir doch in Zusammenhang mit dem Thema Wohlfahrtsstaat gerne von der „sozialen Hängematte“.

 

Doch mit diesen Vorurteilen tut man dem schaukelnden Liegenetz Unrecht. Der Immigrant aus Lateinamerika – über die genaue Herkunft sind sich die Historiker noch nicht ganz einig – ist in seiner Heimat eine clevere Lösung der Schlafplatzfrage. In tropischen Gegenden bietet die erhöhte Aufhängung Schutz vor gefährlichen Tieren, vor Feuchtigkeit, Schmutz und damit verbundenen Krankheiten.

 

Nach Europa kam der Möbelexot in den 1590er-Jahren per Schiff: Hängematten konnten schnell abgehängt und platzsparend verstaut werden, was auf knapp bemessenem Raum ideal ist, dazu glichen sie das Schwanken des Schiffes durch ihre Beweglichkeit aus.

 

 

 

 



„Pergola XG1“ von Coro schützt vor Sonne

 


Der Adria-Adel

 

Markise

 

Wie so viele Errungenschaften des modernen Haushalts haben die Franzosen auch die ausfahrbare Sonnenschutzanlage aus der Antike übernommen, ausgefeilt und in Europa bekannt gemacht.

 

Benannt nach der französischen Adelsdame „Marquise“ – laut Überlieferung soll in einem Heerlager immer dann das Sonnendach ausgerollt worden sein, wenn die Frau des Offiziers anwesend war – kennen wir die mit Stoff bespannte Gestellkons­truktion eingedeutscht als „Markise“.

 

Während in den 60er- Jahren gestreifte Gelenkarm-Modelle in Sonnengelb mit gewelltem Volant schwer in Mode waren, um auf deutschen Terrassen ein wenig Adria-Flair zu versprühen, sitzt der designbewusste Freiluft-Fan heute immer öfter unter weißen ­Sonnensegeln.

 

 

 



Chaiselongue „Big Bug“ von Paola Navone für Poliform

 

Das Sphinx-Dings

 

Chaiselongue

 

Der Name verrät es: Die Chaiselongue kommt aus Frankreich, genauer gesagt aus französischen Adelshäusern. Während das Canapé oder der Diwan aus der Bank heraus entwickelt wurden, basiert der „lange Stuhl“ auf einem gepolsterten Lehnstuhl, dessen Sitzfläche verlängert und somit zur eleganteren, leichteren Abwandlung des Ruhebettes wurde.

 

Dieses wiederum hatte schon seit 3000 v. Chr. Tradition im Alten Ägypten, wo es eher unüblich war, Schlaf- und Wohnmöbel zu trennen, und diente als Möbel zum Meditieren oder Schreiben. Genau genommen ist die Chaiselongue also eine Französin mit ägyptischen ­Vorfahren.

 

 



Himmelbett „Daydream“, geflochten im maurischen Stil, von Dedon

 

 
Das 1.001. Nachtlage

 

Himmelbett

 

Aus welchem Land das vierpfostige Bett mit Stoffbehang unsere Grenzen erreichte, weiß keiner so genau, aber wo es seinen Platz gefunden hat, steht fest: in den Herzen (und Schlafzimmern) von ästhetikverliebten Romantikern.

 

Dabei war das wallende Tuch rund um die Schlafstätte im Mittelalter – als es zum ersten Mal richtig in Mode kam – weniger Dekoration als Schutz vor Ungeziefer, Kälte und eine Isolierung. In einem der oberen Balken befand sich häufig ein Geheimfach für Erspartes, wovon sich die noch heute gebräuchliche Redewendung „etwas auf die hohe Kante legen“ ableitet.

 

Durch die Funktion, aber auch dank der Aufhängung der Stoffe kann der Betthimmel nicht mit seinem orientalischen Cousin, dem Baldachin, verwechselt werden, der über Personen, Orte oder Gegenstände gehängt oder von Dienern getragen wurde, um Würde oder Heiligkeit zu demonstrieren.

 
 

 

 



Tapete „Fo Ti Teng“ von Charles Graser Daughters

Die orientalische Wand(erin)

 

Tapete

 

Großflächig in Grün, Orange und Braun gemustert, wurde die Tapete in den 70er-Jahren an Wohnzimmerwände gekleistert, was das Zeug hielt, um in den Neunzigern in mühseliger Arbeit wieder heruntergekratzt zu werden.

 

Zehn Jahre später liegt die Wandbekleidung erneut im Trend – ein Hin und Her, das zu Zeiten der Erfindung der Tapete im Orient undenkbar gewesen wäre. Damals zierten in jahrhundertealter Tradition kostbarste Teppiche jene Wände, die allein den Monarchen vorbehalten waren. Im 15. Jahrhundert entdeckte der französische Adel den Wandschmuck für sich und verwendete dafür wertvollen Gobelin, der aus Kostengründen sogar auf Reisen mitgenommen wurde.

 

Die Mauren dagegen entwickelten eine günstigere Ledervariante – immerhin noch teilweise mit Gold veredelt –, was schließlich zur Pergament- und dann zur Papiertapete führte, die endlich Demokratie an die Wand brachte.

 

Doch heute ist vor allem Individualität gefragt: Das „Wallpaper on Demand“-Prinzip, bei dem die Motive selbst bestimmt werden können, wird ein immer größeres Thema, ebenso wie Hightech-Tapeten, die strahlen- oder elektrosmog­abweisend das Raumklima verbessern sollen oder auf Temperatur reagierend die Farbe verändern.

 
 

 

 



Futon „Lipla“ von Jean-Marie Massaud für Porro

Die Sushi-Matte

 

Futon

 

Erst Mitte der 80er-Jahre schwappte die Futonwelle tsunamiartig auf unseren Kontinent über, als der alternativ angehauchte Westeuropäer die bodennahe Schlafstätte für sich entdeckte.

 

Der Futon (japanisch für „Decke“) ist in Nippon seit über 2.000 Jahren bekannt. In einem Land, das eine Siedlungsfläche von der Größe Österreichs besitzt, dabei aber zurzeit etwa 127 Millionen Einwohner zählt, lag es nahe, eine dünne Schlafunterlage zu entwickeln, die direkt auf die Tantami-Matten auf dem Boden gelegt wird und bei Nichtgebrauch aufgerollt und verstaut werden kann.

 

Trotz aller Offenheit für fremde Kulturen änderte der Europäer die ursprüngliche Version für sich ab und entwickelte den uns bekannten Futon, ein abgesenktes Bettgestell mit Naturfasermatratze, um nicht gänzlich auf das gewohnte Konzept der Schlafstätte verzichten zu müssen. Laut Handel erfreut sich diese West-Version mittlerweile auch in Japan immer größerer Beliebtheit. 

 
 

 

 



Ottomane „Ile Club“ von Piero Lissoni für Living Divani

Der Türken-Sitz

 

Ottomane

 

Die Ottomane zu erkennen ist nicht ganz so einfach, schließlich gibt es sie in verschiedenen Versionen, und in vielen Wohnzimmern ist sie schon eingezogen, ohne dass es dem Besitzer bewusst ist. Such-Tipp für Design-Detektive: Es handelt sich bei ihr um ein quadratisches oder rechteckiges Polstersitzmöbel ohne Armlehne. Wenn es eine Rückenlehne besitzt, dann führt sie nie über die gesamte Länge des Möbels.

 

Während die Ottomane ursprünglich durch eine geschwungene Rückenlehne leicht erkennbar war, führen die modernen Versionen mit klaren, geometrischen Formen und Sitzkissen leicht zu Verwechslungen mit dem allgemeinen Sofa.

 

Das Original aus dem Osmanischen Reich, der heutigen Türkei, wurde früher als „ottomanisches Möbel“ bezeichnet, bis die Franzosen die Substantivierung der französischen „Ottomane“ einführten und verbreiteten.

 
 

 

 



Raumteiler „Paravent Geflecht“ aus Filz von Hey-Sign

Die chinesische Mauer

 

Paravent

 

Kaum ein Möbelstück ist erotischer. Die anziehende Wirkung des Paravent verleitete schon in unzähligen Filmszenen die Darsteller zum Ausziehen, schließlich entsteht ein großer Reiz durch die exotische Halbtransparenz des Raumteilers, die viel erahnen lässt, aber wenig zeigt.

 

Doch auch ohne nackte Haut dahinter ist der Paravent reizvoll, denn er ermöglicht unzählige Gestaltungsmöglichkeiten im Raum: Durch ihn lassen sich Licht, Zimmergröße, Privatsphäre und öffentlicher Bereich ständig variieren. Der Paravent ist mindestens 2.000 Jahre alt, stammt ursprünglich aus China und wanderte bald nach Japan, wo er in den klassischen Häusern ohne Mauern nicht nur Licht, Luft und Privatsphäre regulierte, sondern auch eingesetzt wurde, um böse Geister abzuwehren.

 

Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Paravents per Schiff nach Europa und fanden schnell ihren festen Platz im französischen Boudoir.