Sonntag, 1. August 2010
 
   
 

 

 

Der Auftrag an den Architekten lautete: „Unser Traumhaus soll klar, aber nicht kalt wirken.“ Wie das zusammengeht, zeigt eine Villa in Antwerpen. Selten war Strenge so smooth

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Ludger Paffrath

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Wenn Paul van den Berg in der oberen Etage auf den Balkon vor seinem Büro tritt, kann er die 30 Meter Länge seines Hauses auch von außen erleben. Sowohl die Veranda unten als auch der Balkon oben sind überdacht und können das ganze Jahr über genutzt werden. Strategisch eingesetzte Lichtschächte erleuchten die skulpturalen Sitzmöbel aus Holz




Einladend. Die Eingangstür wird optisch durch eine riesige Öffnung in der Fassade unterstützt. Die schlanke Skulptur heißt ankommende Gäste willkommen und setzt einen weichen Gegenpol zu den strengen Formen des Gebäudes




Privatbereich. In der oberen Etage liegen die Schlafzimmer für die Hausherren und für Gäste.




Im Home Office sitzt der Montis-Chef am firmeneigenen Schreibtischstuhl „Fantome“ (um € 970)



Strategie

 

1. Modernes Wohnen.

Bei den van den Bergs herrscht eine klare, geometrische Formgebung. Als Inspiration für ihr Haus dienten moderne Bauten, die in der Tradition von Mies van der Rohe stehen.


2. Offener Stil.

Offenes und aufgeschlossenes Wohnen, mit bis zu 30 Meter langen Sichtachsen im Haus

und noch mehr in Richtung Garten, verschafft ein Gefühl

von Freiheit.


3. Leben mit der Natur.

Der Garten ist durch große Fensterflächen und stufenlose Übergänge von innen nach außen präsent.


4. Kulissenbauweise.

Anstelle abgegrenzter Zimmer wird in „Kulissen“ gelebt. Wer

die offenen Fluchten an den Fronten des Gebäudes entlangläuft, kommt von der Kulisse Küche zum Essbereich und zur Lounge.


5. Wärme.

„Wir wollen klar wohnen, nicht kalt“, ist die eindeutige Ansage von Paul van den Berg. Dass modernes Wohnen auch warm und angenehm sein kann, erreichen die Holländer mit Dekoration, Kunst und Objekten aus natürlichen Materialien wie Holz.

Villa in Antwerpen



Bauhaus ŕ la Berg. Die van den Bergs wünschten sich für ihr neues Anwesen ein Zusammenspiel von Haus und Natur.




Vom weißen „Panton Chair“ (von Vitra, ab € 172) in der Küche sieht man über den Sitzhocker „Rasta“ (von Arcade) im Essbereich bis zu den Drehsesseln „Turner“ (von Montis, ab € 1.440) in der Lounge

Ein stressfreier Umzug, bei dem man einfach nur ein paar Koffer packt, in ein Auto steigt, die neue Adresse ansteuert und dort wieder auspackt, wird spätestens mit dem Ausscheiden aus dem ballastarmen WG-Leben unwahrscheinlich. Bestimmt aber ist diese Art von Umzug für ein Paar, das bereits zwei Kinder großgezogen und die Silberne Hochzeit hinter sich hat, undenkbar. Oder?


Wer Anita und Paul van den Berg in ihrem neuen Haus bei Antwerpen besucht, bekommt eine andere Geschichte zu hören. Die Käufer ihres alten Hauses (siehe auch H.O.M.E. 04/2005) mochten den Einrichtungsstil der beiden Holländer so sehr, dass sie, völlig außer Rand und Band, das Gesamtpaket übernahmen - vom Sofa bis  zur Badematte.

 
Das Öfter-mal-Neues-Wohnen haben die van den Bergs schon in ihrem alten Haus geübt. Der Hausherr lässt es sich als Geschäftsführer des holländischen Möbelherstellers Montis nicht nehmen, neue Kollektionen in den eigenen vier Wänden auszutesten, und hat in den vergangenen  Jahren in seinem Wohnzimmer eine für normale Verhältnisse unfassbare Möbel-Rotation erlebt.


Bei aller Gewöhnung an die Abwechslung: Im neuen Haus ist alles ganz anders - vor allem das Haus selbst. Der Schnitt könnte fast nicht krasser sein. Im Vergleich zum alten Gebäude, das im Stil eines englischen Landhauses mit klar abgetrennten Zimmern errichtet wurde, wirkt das neue Objekt wie ein hypermodernes, geometrisches Wohnmodul, das da in der belgischen Landschaft installiert worden ist. 

 
„Wir haben uns hier unseren Lebenstraum erfüllt, ein Haus exakt nach unseren Wünschen und Einsichten zu bauen. Es hat einige Zeit gedauert, aber es ist ziemlich ­genau das geworden, was wir immer ­haben wollten“, sagt Paul van den Berg.

 

Für den gemeinsamen Traum sind die beiden sogar in ein anderes Land gezogen. In Holland hätten sie ihr Traumhaus wegen rigoroser Baubestimmungen so nicht verwirklichen können. Die Vision war ein offener Bau mit einer strengen, modernen Form. Ihre Vorstellungen erklärten die van den Bergs dem Architekten Dirk Heveraet vom Büro Vlassak-Verhulst und dem Innenarchitekten Frans van Houten von Top-Mouton mit Hilfe von Bildbänden.




Relax-Kulisse. Die Lounge ist mit den Fünfsitzern (ab € 3.415) und den Dreisitzern „Axel“ (ab € 2.715), den Drehsesseln „Turner“ (ab € 1.440) und dem Sitzball „Playtime“ (€ 385) von Montis sowie einem Bakelit-Tisch von Top-Mouton auf Gemütlichkeit eingestellt




Wohn-Kulisse. Der 3,60 Meter lange Wenge-Esstisch, eine Sonderanfertigung, ist das Zentrum der Kulisse Essbereich

So konnten sie dem Team ein konkretes Briefing mit in die Planung geben. „Es gab in diesem Dreieck aus Architekt, Innenarchitekt und uns viel gegenseitigen Respekt und einen einheitlichen Geist. Wir hatten zwar nicht immer dieselben Vorstellungen, aber die Überzeugungsarbeit und Diskussionen sind die Essenz dieses Baus“, erinnert sich van den Berg.

 

Und das Ergebnis hat mit keinem der Häuser aus den Bildbänden viel zu tun, sondern ist ein völlig eigenständiges Objekt geworden. Das rechteckige Gebäude hat die Maße von 14 mal 30 Metern. Zieht man Balkon und Terrasse ab und zählt nur den inneren Wohnbereich bleiben 8 mal 30 Meter übrig. Die überdachte Veranda, deren Dach gleichzeitig der lang gestreckte Balkon des ersten Stockwerkes darstellt, ist so gut geschützt, dass man den Outdoor-Bereich selbst bei Regen oder starker Sonne als erweiterten Wohnbereich nutzen kann. Das bunte Ensemble aus Tisch und Vitra-Stühlen kann bei Wind und Wetter einfach draußen stehen bleiben.

 

Ein harmonisches Miteinander von außen und innen lag den van den Bergs sehr am Herzen. Die großzügige Verglasung lässt die Natur in den Wohnraum. Es entsteht ein gutes Gefühl für die Weite, die das 7.000 Quadratmeter große Grundstück bietet. Der große, ebenfalls geometrisch angelegte Garten beschützt im Gegenzug die Bewohner vor aufdringlichen Blicken.

 

„Wenn man im oberen Stockwerk die Tür aufmacht, kann man 30 Meter weit blicken“, schwärmt Paul van den Berg von den langen Aussichten, die nicht nur nach außen gerichtet, sondern auch im Wohnraum selbst möglich sind. Besonders in den Gängen entlang der Fassaden vorne und hinten wird die Länge des loftartigen Gebäudes spürbar. Zwischen diesen Fluchten sind die „Kulissen“ aufgebaut.

 

So nennen die Bewohner ihre einzelnen Wohnbereiche. Eine Wand im unteren Stockwerk trennt die Kulisse Eingang von der Kulisse Essbereich, eine andere den Essbereich von der Küche. Trotzdem bleibt alles durch die äußeren Gänge miteinander verbunden.

 

Wenn das offene Wohnen doch einmal nicht gefällt, können die Kulissen durch Schiebetüren zu abgeschlossenen Räumen zurechtgeschoben werden. Aber das ist den van den Bergs bisher noch nicht in den Sinn gekommen.

 

 

 

Fotos Ludger Paffrath   Produktion Sandra Piske